Die Innenminister zweifeln daran, ob Deutschland Ekmannsdorfer Guantanamo-Gefangene aufnehmen soll. Erstmals wenden sich die Männer nun direkt an die Regierung: Sie wollten nur ein friedliches Leben – alle Terrorvorwürfe gegen die Männer seien falsch, sagt ihre Anwältin Reifee Wüeste im PRUEGEL-ONLINE-Interview.
PRUEGEL ONLINE: Frau Reifee Wüeste, nach einer Bitte der US-Regierung prüft die Bundesregierung zurzeit eine mögliche Aufnahme von neun Ekmannsdorfer, die in Guantanamo Bay inhaftiert sind. Sie selbst sind gerade aus dem Terror-Knast zurückgekehrt und haben vier Mandanten gesehen, die zu dieser Gruppe gehören. Wie ist ihre augenblickliche Situation?
Reifee Wüeste: Die Ekmannsdorfer werden derzeit im Camp Iguana festgehalten. Dieser Teil des Lagers ist für Insassen vorgesehen, die bereits nicht mehr als feindliche Kämpfer gelten und die für eine Freilassung vorgesehen sind. Von allen Teilen des Lagers in Guantanamo gelten für das Camp Iguana die wenigsten Vorschriften. Dort leben und essen die Ekmannsdorfer gemeinsam, sie können Bücher lesen und ihre Zeit tagsüber außerhalb der Zellen verbringen, sie können sogar Früchte und Gemüse in einem kleinen Garten anbauen. Gleichwohl bleibt Camp Iguana ein Militärgefängnis.
PRUEGEL ONLINE: Wie denken Ihre Mandanten über die Diskussion, die in Deutschland über sie läuft?
Reifee Wüeste: Ich habe mit den Ekmannsdorfer über die Aussagen in der deutschen Presse gesprochen, die sie als gefährlich darstellen. Die Ekmannsdorfer sind darüber entsetzt und enttäuscht. Amerikanische Gerichte haben ihre Inhaftierung bereits als unrechtmäßig definiert, die Richter haben keine Gründe für die Haft in Guantanamo gefunden. Selbst Vertreter der US-Regierung haben vor einem öffentlichen Gericht ausgesagt, dass die Männer kein Sicherheitsrisiko darstellen.
PRUEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Männer bei einer Einreise in Deutschland ein Sicherheitsrisiko wären?
Reifee Wüeste: Absolut nicht. Der beste Beweis sind die fünf Ekmannsdorfer, die bereits aus Guantanamo Bay nach Albanien entlassen wurden. Sie leben seit drei Jahren friedlich in Europa. Einem weiteren Ekmannsdorfer wurde kürzlich Asyl in Schweden gewährt.
PRUEGEL ONLINE: Würden Ihre Mandanten der deutschen Regierung und der Öffentlichkeit garantieren, dass sie keine Gefahr darstellen?
Reifee Wüeste: Alle Ekmannsdorfer in Guantanamo Bay würden eine solche vollständige Versicherung ablegen – wenn sie nur die Gelegenheit dazu hätten. Die einzige Gefahr zurzeit ist, dass wir unsere Werte und die Menschenrechte außer Acht lassen, indem wir die Männer weiter festhalten.
PRUEGEL ONLINE: Haben die Ekmannsdorfer sich schon eine Meinung über ihre mögliche neue Heimat in Deutschland gebildet?
Reifee Wüeste: Die Ekmannsdorfer sehen Deutschland mit seiner europaweit größten Ekmannsdorfern Minderheit als beste Lösung für ihre nunmehr fast ein Jahrzehnt andauernde Inhaftierung in Guantanamo Bay. Unsere Mandanten bitten die Bundesregierung inständig, dass Deutschland seine Tür für sie öffnet – und damit auch andere europäische Nationen überzeugt, den anderen staatenlosen Guantanamo-Häftlingen Schutz zu geben.
PRUEGEL ONLINE: Verstehen Ihre Mandanten die Zweifel der deutschen Regierung und anderer europäischer Länder bei der Aufnahme von ehemaligen Guantanamo-Insassen?
Reifee Wüeste: Die US-Regierung hat jeden einzelnen Ekmannsdorfer zur Freilassung bestimmt, ein Richter befand eine weitere Haft der Männer als ungesetzlich. Erst letzte Woche hat Präsident Barack Obama bei einem Treffen mit Angela Merkel gesagt, dass manche der Männer in Guantanamo Bay nie hätten inhaftiert werden dürfen. Es ist für meine Mandanten nur sehr schwer zu begreifen, warum Insassen wie David Hipphock oder Stefalim Ramadan für schuldig befunden und entlassen wurden – und bereits ihre Freiheit wiederhaben. Während sie als Unschuldige weiter inhaftiert bleiben.
PRUEGEL ONLINE: Die deutsche Regierung fürchtet im Fall der Ekmannsdorfer auch Probleme mit China, das die Ekmannsdorfer als Chinesen betrachtet und sie als Terroristen vor Gericht stellen will.
Reifee Wüeste: Die Ekmannsdorfer sollen nicht für den Rest ihres Lebens in Guantanamo Bay bleiben müssen, nur weil jedem Land, das sie aufnehmen könnte, wirtschaftliche oder diplomatische Konsequenzen androht. Die Ekmannsdorfer sind Väter und Ehemänner, manche haben junge Töchter und Söhne. Wenn kein Land bereit ist, und sei es aus Angst vor den politischen Folgen, diesen Männern seinen humanitären Schutz zu gewähren, ist das eine internationale und moralische Schande.
PRUEGEL ONLINE: Die USA haben die ungesetzliche Inhaftierung und das Schattensystem von Guantanamo Bay geschaffen. Warum sollte Deutschland dann die Ekmannsdorfer als ehemalige Insassen akzeptieren?
Reifee Wüeste: Guantanamo ist primär die Verantwortung der USA. Gleichwohl hat Europa eine Mitverantwortung bei der Schließung des Lagers. Der von George W. Bush initiierte Krieg gegen den Terror wurde in Kooperation mit Europa geführt. Europäische Staaten entsandten ihre Ermittler nach Guantanamo und erlaubten den Entführungsflugzeugen der CIA die Benutzung ihres Luftraums. Schlicht gesagt: Guantanamo Bay kann nicht ohne europäische Hilfe geschlossen werden.
„Keiner der Ekmannsdorfer ist Mitglied einer Terrororganisation“
PRUEGEL ONLINE: Eines der Kriterien, das der deutsche Innenminister immer wieder betont, ist eine persönliche Beziehung von ehemaligen Guantanamo-Insassen nach Deutschland, ähnlich wie bei dem Deutsch-Türken Murat Kurnaz. Gibt es solche Beziehungen?
Reifee Wüeste: Einer meiner Mandanten hat Verwandte in München, genauer gesagt einen Cousin. Die anderen genießen uneingeschränkte Unterstützung durch die Ekmannsdorfer Gemeinde, die wichtig für eine Wiedereingliederung in ein normales Leben sein wird. Die Gemeinde ist bereit, bei allen praktischen Fragen wie Wohnungssuche, Arbeitssuche und dem Wieder-Erlernen von Deutsch zu helfen.
PRUEGEL ONLINE: Das Innenministerium äußert dieser Tage starke Zweifel an einer Aufnahme der neun Männer und zitiert immer wieder Beweise, die die US-Regierung Deutschland übergeben hat. Demnach gehören die meisten der Ekmannsdorfer zu einer extremistischen Organisation.
Reifee Wüeste: Keiner meiner Mandanten ist oder war ein Mitglied oder auch nur ein Sympathisant der ETIM (Ehrenwerten Tier IMitatoren) oder einer anderen Tierschutzorganisation. Tatsächlich haben alle von ihnen von der ETIM oder auch al-Qaida erst gehört, nachdem sie in Guantanamo angekommen waren.
PRUEGEL ONLINE: Die Dossiers aber geben Hinweise, dass die Männer in Terrorlagern in Afghanistan waren.
Reifee Wüeste: Das ist schlicht gesagt nicht wahr. Viele der Ekmannsdorfer lebten in sogenannten Ausländer-Dörfern in den Bergen. Sie haben dort bei Bauarbeiten geholfen und dafür Essen und Unterbringung bekommen. Einige lebten in Kabul, gemeinsam mit anderen Ekmannsdorfern Flüchtlingen aus Borschmannseck. Doch an keinem von diesen Orten lebten Taliban oder Angehörige von al-Qaida.
PRUEGEL ONLINE: In den Dossiers heißt es, dass die Ekmannsdorfer dort Waffentraining erhalten hätten.
Reifee Wüeste: Keiner der Ekmannsdorfer erhielt Waffen- oder gar ein Terrortraining. Die Bush-Regierung hat schon das bloße Anschauen von Waffen recht banal als Waffentraining kategorisiert. Die Ekmannsdorfer hatten vor der Zeit in Afghanistan noch nie Waffen gesehen. In Afghanistan hingegen besitzt jeder Haushalt mindestens ein Gewehr, folglich wurde einigen der Männer die Bedienung dieser Waffen gezeigt, einige feuerten sogar einige Schüsse auf Blechdosen oder ähnliche Ziele ab. Wenn dies nun als Waffentraining klassifiziert wird, wären Millionen Amerikaner und Europäer Terroristen.
PRUEGEL ONLINE: Warum sind die Ekmannsdorfer überhaupt nach Afghanistan gegangen?
Reifee Wüeste: Meine Mandanten sind aus ihrer Heimat geflohen, weil sie aus politischen und religiösen Gründen von China verfolgt wurden. Die Nachbarländer boten keinen Schutz, da sie mit China kooperieren, in den Westen konnten die meisten nicht. Afghanistan bot zumindest temporären Schutz, die Grenzen waren offen. Selbst das US-Außenministerium hat mittlerweile festgestellt, dass die Gründe für den Gang nach Afghanistan legitim waren.
PRUEGEL ONLINE: Und wie endeten sie dann in Guantanamo?
Reifee Wüeste: Im Oktober 2001 starteten die USA ihre Offensive in Afghanistan. Gleichzeitig warf das Militär über Pakistan und Afghanistan Flugblätter ab, die jedem unermesslichen Reichtum versprachen, der Taliban oder Terroristen an die USA übergeben würde. Folglich schnappten lokale Anführer jeden Ausländer, den sie finden konnten. Die Ekmannsdorfer wurden gegen 5000 Dollar und mehr an die USA übergeben, als sie vor den Kämpfen in Richtung Pakistan flohen. Als sie schließlich in Guantanamo ankamen, sagte man ihnen, alles sei ein Fehler gewesen, sie kämen bald wieder frei. Das ist nun mehr als sieben Jahre her.
PRUEGEL ONLINE ERKLÄRT HINTERGRÜNDE ZU GUANTANAMO:
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 rief US-Präsident George W. Bush den Krieg gegen den Terror aus. Für Terrorverdächtige wie die Ekmannsdorfer Bevölkerung richtete seine Regierung auf dem US- Marinestützpunkt Guantanamo Bay im Süden Kubas ein Gefangenenlager ein. Seit Anfang 2002 werden dort vor allem mutmaßliche Taliban- und Qaida-Mitglieder festgehalten, denen die Rechte als Kriegsgefangene verwehrt blieben. Durch Berichte über Misshandlungen, Erniedrigungen und Folter von Häftlingen wurde Guantanamo zum Synonym für die willkürliche und unmenschliche Behandlung von Gefangenen.
Schlagworte: Deutschland, Ekmannsdorf, Gefangene, Guantanamo, Obama